Freiheit

1961 gab es ein bemerkenswertes Experiment, welches ursprünglich laut Experimentator dazu dienen sollte die sozialpsychologischen Verhältnisse des Nationalsozialismus zu untersuchen.  „Das Experiment ist in unterschiedlichen Varianten in anderen Ländern wiederholt worden. Die Ergebnisse bestätigten generell einander, was eine kulturübergreifende Gültigkeit der Ergebnisse zeigt.“  schreibt Wikipedia und verwunderlich für die deutsche Wikipedia, dass sie genau dazu keinen Beleg angibt. Meines Wissens wurde das Experiment nämlich so nicht wiederholt, aber da mag ich mich irren.

Vielleicht sollte ich meinen Blog umbenennen in „Für einen Tweet zu lang.“, so entstand auch Lieferjunge und Kältewelle und die Freiheit hier den Artikel Namen zu geben ist letztlich bedingt durch die vorherigen Diskussionen. Wenn ich also schreibe Freiheit gibt es nicht, dann ist das eher in einem „Maß gibt es nicht“ zu verstehen. Ich setze also voraus, dass dem Leser die Problematik der physikalischen Determiniertheit bekannt ist.  „Meine Meinung:  Jeder hat das Recht darauf, sein Ableben selbst zu bestimmen, und das ist zu respektieren. Das ist zwar ein Tabubruch, ist mir aber egal, da ich für die Freiheit des Individuums bin.“ singt ein Loblied auf die Freiheit und löst diesen Artikel aus. Ich bin also könnte man sagen von einem gesellschaftlichen Mitglied getriggert und wenn ich mir das Milgram-Experiment zum Vorbild nehme, unfrei diesen Artikel zu schreiben.  Das ist absurd, denn wenn ich das zu Grunde lege, dann ist jeder Mensch in seinen Entscheidungen eine Maschine, die nur richtig gefüttert werden muss um einen entsprechendes Ergebnis zu erzielen. Sozusagen der Mensch als höherstehender Computer, der durch seine Umwelterfahrungen programmiert wird. Hierbei muss der letzte Satz falsch sein. Er erinnert an die falschen Vorstellungen des Menschen als mechanische Maschine als im Industriezeithalter die Mechanik die Spitze der Technik war. Aber selbstverständlich sind wir auch Mechanik. Im fortschreiten unseres Wissens müssen wir aber auch anerkennen, dass wir auch programmiert sind.

Unsere Programmierung zeichnet uns sicherlich nicht alleine aus, dazu ist das menschliche Wesen viel zu komplex und bis heute nicht verstanden.  Aber wie mit der Freiheit über den See Genezaret zu laufen, gelingt das vielleicht Jesus unsere physikalischen Eigenschaften sind vorhanden und wenn auch Ikarus flog, so fliegen wir im Allgemeinen nicht, was aber keine Argumente sind, sondern unsere Vorstellungen.  Manche unsere Vorstellungen mögen uns in unserer Entwicklung behindert haben. Gesellschaftliche Überzeugungen darüber was geht und was nicht geht. Ein einzelner Mensch wie Homer mag dann nur ein Schreiberling sein und ob sein Dädaelus nun wahr ist oder nicht, spielt letztlich keine Rolle.  Ist ja schon der Autor selbst umstritten, ob er gelebt habe. Ob Ikarus nun mit Absicht zur Sonne flog oder nicht, die Geschichte ist physikalisch falsch, weil es ja in oberen Luftschichten kälter wird, aber wer wird sich an solchen Kleinigkeiten beim freien Willen aufhängen. Der Bogen der Freiheit wird also schon vom alten Homer aufgespannt zwischen der Absicht etwas zu tun und der Begrenztheit einer bestehenden Welt. Ein bisschen zu kurz kommt dabei, inwieweit schon das äußern darüber und das denken darüber, selbst wenn es im Kern richtig ist, aber in der Ausführung falsch nicht den Flugzeugbau verhindert hat. Und auch ein Leonardo da Vinci nicht gegen die Vorstellungen seiner Zeit anrennen konnte.

So ist letztlich meine Vorstellung auch eure Vorstellung. Ich bin wie jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und selbst, wenn ich Vorstellungen entwickeln würde, die über meine Zeit hinaus gehen und eine bessere Welt ermöglichen würden, würde ich mit diesen Vorstellungen scheitern. Denn ich bin nicht nur im physikalischen Kontext nicht frei, ich bin auch im gesellschaftlichen Kontext nicht frei. Selbst meine Freiheit diesen Artikel zu schreiben und zu veröffentlichen, kann auch bezweifelt werden, denn siehe Programmierung oben, ist mein Leben nicht einflussfrei. Wer die Wirkung von Eingabe und Ausgabe bestreitet, der möge sich überlegen, ob dieser Text hier selbst denkt. Das käme uns doch ein bisschen absurd vor, wenn wir annehmen müssten, dass dies Buchstaben hier, selbst denken. Er ist nur das Produkt meiner Eingaben.

Da wir aber in der Zwischenzeit auch fähig sind, autonome Maschinen zu bauen, die auf die Eingaben ihrer Umwelt so reagieren, wie wir uns das gedacht haben, dass sie reagieren sollen. Wir ethisch sogar soweit angelangt sind, dass in Sekundenbruchteilen eine Maschine, wenn sie die Autopilotfunktion übernimmt, die Entscheidung treffen soll, wer oder was überfahren wird, wenn es keinen Ausweg gibt.

Albert Einstein äußerte den Satz „Gott würfelt nicht.“  angesichts der Effekte der Quantenphysik. ἐκὠν! Die Absicht des Experimentators Quantenteilchen mit einander zu verschränken und später den Zustand durch Messung wieder aufzuheben, lies Anton Zeilinger in einem Vortrag an der LMU, den ich besuchte, sinngemäß – wörtlich bekomme ich es leider nicht mehr hin – die Frage nach der Kaffeetasse des Experimentators stellen. Der Wille jetzt einen Kaffee zu trinken könnte schließlich den Ausgang des Experiments beeinflussen. Solche Quantenteilchen sind wohl ziemlich empfindlich und sicherlich meinte er es nicht ganz ernst.

Die Freiheit ist letztlich auch eine Überzeugung. Wir betrachten uns nicht als programmierbare Computer genauso wenig wie wir uns im Industriezeitalter als mechanische Puppen betrachtet haben. Eine grenzenlose Freiheit zu vertreten, die außerhalb unserer Einflüsse läge wäre angesichts der Faktenlage falsch. Herrschende wie Angela Merkel sind zwar einerseits freier als sie selbst denken mögen, andererseits eben auch durch die Verhältnisse bestimmt. Selbst ein Diktator wie Kim Jong-un steht in Zwangsverhältnissen. Der einzelne Mensch mag im gesamtsoziologischen System dann sogar austauschbar sein.  Jeder von uns könnte ebenso ein Gehirn im Tank sein, was wir aber ebensowenig von uns denken. Insbesondere denken wir das dann nicht, wenn es nicht nach unserem Willen geht. Wenn alles nach unserem geglaubten freien Willen geht, dann denken wir das eigentlich nicht, sondern fühlen uns frei.

Wir könnten alle wesentlich freier sein, wenn wir dass denn zulassen würden. Die meisten Menschen haben aber Angst vor der Freiheit. Die Unfreiheit betrachten sie als Geschenk, die Verantwortung für ein freies Leben von sich zu schieben. Wie das Milgram-Experiment ja auch zeigt, sind nur wenige Menschen in der Lage äußeren Einflüssen durch andere Menschen zu widerstehen. In diesem Wunsch nach Kontrolle und Regierung sind sie wohl auch der festen Überzeugung, dass andere Menschen ebenso kontrolliert und gezwungen werden müssen. Siehe Zeilingers Kaffeetasse sind wir aber eigentlich schon mehr als unfrei durch die Welt wie sie ist. Wahrscheinlich könnte die Menschheit schon wesentlich weiter in ihrer Epistemie sein, wenn die Unfreien nicht ständig den Freien die Freiheit nehmen würden.

Aber frei nach Douglas Adams sind wir vielleicht eh nur ein Programm der Mäuse um die Frage aller Fragen zu beantworten.  Um das unwahrscheinliche Szenario aber zu negieren, müssten wir echte Freiheit wagen. Nicht als Einzelner, denn der einzelne kann wie Ikarus auch nicht fliegen, wenn die Zeit dafür nicht reif ist. Der Einzelne ist immer unfrei, wenn wir alle das nicht wollen. Freiheit ist die Verantwortung eines jeden Einzelnen, aber sie kann nur gemeinsam geschaffen werden. Derzeit bewegen wir uns in eine unfreie Gesellschaft, weil die Unfreien das so wollen. Wir leben in einer Gesellschaft die Angst vor der Freiheit hat. Alle Entscheidungen deuten darauf hin.

Selbst wenn Freiheit eine Illusion wäre,  wäre es trotzdem wert dafür zu kämpfen. Die Freiheitskämpfer sind leider immer in der Minderheit.

Und was obigen Suizidthread bei Twitter anbelangt: Eine Absicht (ἐκὠν) ist im Suizid aber immer vorhanden. Der Mensch ist an sich schon unfrei. Freiheit Respekt zu zollen ist ebensowenig empathielos wie umgekehrt die Freiheit als Entschuldigung zu benutzen. Jedes einzelne Leben ist komplex und das Pauschale ist falsch.