Kältewelle

Ein Tweet der den Artikel über Obdachlosigkeit bewerben wollte, sagte „Gefühlt minus 12 Grad sind es diese Nacht in Berlin. Aber wie fühlt es sich an,“ und der Artikel selbst ist zu dem „Aber wie fühlt es sich an“ sehr sehr substanzlos.

Wir haben in gewisser Hinsicht eine doppelte Kältewelle. Ja da sind die physikalischen Schwierigkeiten eines Obdachlosen mit dem Kälteeinbruch umzugehen. Und ja das ist lebensgefährlich und sicherlich je älter man wird auch schwieriger.  Ich war im Januar 1985 obdachlos sicherlich auch selbstverschuldet. Ich hatte meine Lehre abgebrochen und mich im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste begeben. Ich kam bis Marokko. Weit weit später habe ich das mal hier „Tanezrouft oder die Kinder Europas „ aufgeschrieben. Aus dieser Zeit stammt auch „Die Kälte“

Selbstverständlich steht meine Obdachlosigkeit nicht im Lebenslauf. Möglicherweise bin ich jetzt auch wahnsinnig, das öffentlich kundzutun. Einerseits ist das 33 Jahre her, andererseits kann ich auch nicht sagen, dass die Zeit spurlos an mir vorüber gegangen ist.  Die Kältewelle, der in den Tageszeitungen dann jeweils gehuldigt wird, liegt aber ganz wo anders. Und vielleicht war der Artikel vom Tagesspiegel einer zu viel in der Lobhudelei auf die Helfer. Zunächst will ich sagen, es gibt den Obdachlosen nicht. Den gibt es genau so wenig wie den Reichen, den Armen oder die Mittelschicht. Die Ähnlichkeiten unter den Obdachlosen entsteht durch die besonderen Lebensverhältnisse, in die man dort geraten ist. Aber jeder Obdachlose hat seine eigene Geschichte und ist letztlich ein einzigartiges manchmal sogar bewundernswerter Mensch. Es gibt die Kriminellen genauso wie die Braven unter den Obdachlosen. Aber selbst die Kriminellen dürften noch bräver sein als die Durchschnittskriminellen, wobei das nicht immer so ist. Die Extremlage verstärkt möglicherweise auch Extreme.

Wenn es in dem Artikel heißt „Knapp 55 Prozent der Obdachlosen würden eine Persönlichkeitsstörung aufweisen.“ dann sagt das mehr über die Gesellschaftsstörung aus.  Möglicherweise sind einige dieser gestörten Persönlichkeiten im Kopf gesünder als manch ein AfD-Wähler. Neulich kam irgendwo in der ARD ein Bericht über Pariser Obdachlose beziehungsweise dort in Paris campierende Asylanten. Darunter war auch ein Mensch, der in Deutschland bereits Asyl gesucht hatte und sogar für die deutsche Behörde in drei Sprachen gedolmetscht hatte und dann vor der deutschen Bürokratie nach Paris geflohen ist und dort jetzt in Paris obdachlos zu sein. Auch das sagt viel über die deutsche Kälte aus. Es war schon 1985 ein Problem zum Sozialamt zu gehen, insbesondere dann wenn man ein junger unvernünftiger Kerl ist. Heutzutage ist das noch tausendmal schlimmer. Ich war damals auf alle Fälle viel zu stolz als ich aus Marokko zurückkehrte. Selbstverständlich war ich auch zu stolz vor der Familie zu kriechen und dort um Hilfe anzusuchen.

Wie sehr dieser Stolz durchaus auch unter vielen Obdachlosen vorhanden ist, merkte ich schnell am Münchner Hauptbahnhof. Obdachlose erkennen sich untereinander ziemlich schnell und aus dem Bettler wird ziemlich schnell ein ratgebender Mensch, wenn er auf einen Neuling trifft. Auf der anderen Seite sind es viele Einzelgänger und wirkliche Freundschaft gibt es dort auch nicht. Es sind dann doch eher Zweckgemeinschaften, die sich spontan bilden und genauso schnell wieder zerfallen. Wären Obdachlose die sozial kompatibelsten Menschen, wären sie wohl kaum obdachlos. Aber es sind Menschen. Manche sind sogar hochintelligent, andere einfach auch strohdumm aber herzensgut. Die einen sind als Gewalttäter obdachlos geworden, die anderen sind obdachlos geworden, weil ihnen Gewalt psychisch oder physisch angetan wurde. Manche haben einen abgrundtiefen Hass auf alles und jeden und manche eine unbändige Sehnsucht nach Liebe. Aber ich glaube keiner erzählt seine vollkommen wahre Geschichte, weil sie sich letztlich nicht erzählen lässt. Das mag bei jedem einzelnen viel zu kompliziert sein, um sie im vorbeigehen der Gesellschaft einem Journalisten oder Soziologen oder sonst wem zu erzählen. Diejenigen die in Obdachlosennotunterkünfte gehen, mögen dabei noch die Gesprächigeren sein. Denn diese haben irgendwo auch ein bisschen kapituliert. So ein bisschen Restwürde und dass das Leben noch selbst bewältigt wird, mag sich hier und da noch einer Erhalten wollen. Manch einer mag tatsächlich zu dumm sein, um sich Hilfe vom Amt zu holen und die Formulare auszufüllen. Andere haben das bereits hinter sich und sind im wahrsten Sinne des Wortes aus dem demütigenden System ausgestiegen.

Wie fühlt es sich also an….. ganz ganz anders als dieser flüchtige Blick des Tagesspiegel und möglicherweise auch für jeden Obdachlosen wieder anders. Eines fühlt sich aber für alle gleich an, die Kältewelle in Deutschland, die auch im Hochsommer bei 36 Grad herrscht. In Deutschland gibt es eine prinzipielle Kältewelle, die im Sommer nie thematisiert wird.

Soviel zur Kältewelle in Deutschland.