Es gibt Sätze, die klingen so vernünftig, dass man fast vergisst, nachzurechnen. Einer dieser Sätze lautet: „Wir brauchen Gas als Brücke.“[1] Katharina Reiche,ehemalige Chefin von Westenergie jetzt Bundeswirtschaftsministerin und eine der lautesten Stimmen der deutschen Gaswirtschaft, wird nicht müde, die Bedeutung von Gasinfrastruktur zu betonen. Das klingt nach Stabilität, nach Realpolitik, nach „wir lassen die Kirche im Dorf“.
Doch wenn man die nackten Zahlen der Physik und der Ökonomie von 2026 danebenlegt, merkt man: Diese Brücke führt nicht in die Zukunft, sondern ist ein extrem teures Museumsstück, noch bevor das Band zur Eröffnung durchschnitten wurde.[2]
Die Falle der niedrigen Anschaffungskosten
Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Eine moderne 5‑Megawatt‑Windkraftanlage. Wenn wir den Strom dieser Anlage wirklich speichern wollen – und zwar so richtig, für einen ganzen Tag Flaute (120 Megawattstunden) –, dann haben wir zwei Möglichkeiten.
Die radikale Erneuerbare: Wir bauen ein LOHC‑System (einen flüssigen Wasserstoffträger). Das kostet uns für eine einzige Anlage rund 31 Millionen Euro. Uff.
Die „bewährte“ Lösung: Wir bauen ein Gaskraftwerk als Backup. Das kostet nur etwa 5 Millionen Euro.
Wer nur bis hierhin liest, unterschreibt den Gas‑Vertrag. Es ist die klassische psychologische Falle: Wir starren auf die Anschaffungskosten (CAPEX) und ignorieren die laufenden Kosten (OPEX).[3] Es ist das Geschäftsmodell der billigen Drucker, die einen später bei den Tintenpatronen ausrauben. Nur dass die Tinte hier Erdgas und CO2‑Zertifikate sind.
Das Standby‑Paradoxon
Das Problem für Frau Reiche und die Gas‑Lobby ist die sogenannte Merit‑Order. An der Strombörse wird zuerst der billigste Strom verkauft. Wind und Sonne kosten im Betrieb fast nichts. Das heißt: Immer wenn Wind weht, muss das Gaskraftwerk ausgehen. Es verdient kein Geld.
Aber die Kosten laufen weiter. Wartung, Personal, Zinsen – etwa 200.000 Euro pro Jahr, nur damit die Anlage existiert.[4] Und wenn sie dann doch mal ran muss, weil der Wind pausiert, schlägt die Realität gnadenlos zu:
- Der Gaspreis ist volatil und wird durch Netzentgelte für schrumpfende Gasnetze eher teurer.[4]
- Der CO2‑Preis klettert Richtung 100 Euro pro Tonne und mehr.[2]
Am Ende kostet die Kilowattstunde aus dem „billigen“ Gaskraftwerk 30 bis 45 Cent. Das LOHC‑System hingegen hat seine Schulden fast komplett im Voraus bezahlt. Wenn es einmal steht, liefert es die Kilowattstunde zu Grenzkosten, die fast bei Null liegen.[5]
Der Effizienz‑Irrtum
Kritiker sagen nun: „Aber LOHC hat doch einen miesen Wirkungsgrad! Da gehen 60 bis 70 Prozent der Energie verloren!“
Das stimmt physikalisch grob: Typische LOHC‑Prozessketten (Elektrolyse → Hydrierung → Speicherung → Dehydrierung → Rückverstromung) liegen oft nur bei etwa 25–35 Prozent Gesamtwirkungsgrad, was einer Verlustquote von rund 65–75 Prozent entspricht.[5] Aber ökonomisch ist dieser Verlust oft zweitrangig. Warum? Weil das LOHC‑System den Strom dann schluckt, wenn wir zu viel davon haben. Wenn die Windkraftanlage bei Sturm sonst abgeschaltet werden müsste, weil das Netz voll ist. 35 Prozent von „fast geschenkt“ sind immer noch ein besserer Deal als 40 Prozent von „teurem fossilem Importgas plus Klimastrafe“.[2]
Warum wir trotzdem an der Gas‑Idee kleben
Warum also wird die Gas‑Option immer noch so lautstark verteidigt? Es ist eine Mischung aus Pfadabhängigkeit und Lobbyismus. Wir haben die Rohre, wir haben die Turbinen, wir haben die Ingenieure. Es ist psychologisch schwer zuzugeben, dass ein System, das uns 50 Jahre Wohlstand gebracht hat, heute technologisch obsolet ist.[1]
Wer heute noch auf Gaskraftwerke als Rückgrat setzt, wettet gegen die Lernkurven der Speichertechnologien und unterschätzt die Hebelwirkung von CO2‑Preisen.[2]
Fazit: Teure Maut statt Brücke
Die „Brücke“ Gas ist in Wahrheit eine Sackgasse mit sehr teurer Maut. Wenn wir die 31 Millionen Euro für den LOHC‑Speicher heute als „zu teuer“ ablehnen, entscheiden wir uns in Wahrheit für die Ratenzahlung des Grauens beim Gasanbieter.[5] Es wird Zeit, dass wir aufhören, den billigen Anschaffungspreis mit wirtschaftlicher Vernunft zu verwechseln. Die Zukunft ist kapitalintensiv, aber im Betrieb fast gratis. Die Vergangenheit war billig im Bau, aber sie frisst uns heute die Haare vom Kopf.
Welche Seite der Rechnung wir wählen, entscheidet darüber, ob wir 2030 noch wettbewerbsfähig sind. Spoiler: Mit Erdgas im Tank sind wir es nicht.[2]
Fussnoten
- Der Satz „Wir brauchen Gas als Brücke“ ist in der deutschen Energiepolitik und Unternehmenslobby eine häufig verwendete Narration, u.a. von Gas‑ und Energieunternehmen sowie amtierenden Politikern nahegelegt; siehe z.B. Debatten um Gas als Übergangstechnologie im Rahmen der Energiewende.
[Quelle: tagesschau.de – Reiche wirbt für langfristige Gasverträge]
[Quelle: Lobbypedia – Katherina Reiche] - Studien und Analysen zeigen, dass die volatilisierten Gaspreise zusammen mit steigenden CO2‑Preisen die Stromgestehungskosten neuer Gaskraftwerke deutlich nach oben drücken; für 2026 liegen Schätzungen bei 20–30 Cent/kWh und steigen bei höheren CO2‑Preisen weiter an.
[Quelle: energiezukunft.eu – Gaskraftwerke: teure fossile Versorgungssicherheit]
[Quelle: pv‑magazine.de – Studie Strom aus Gaskraftwerken] - Die Fixkosten‑Bürde von Standby‑Gaskraftwerken (Wartung, Personal, Zinsen) prägt deren Wirtschaftlichkeit, obwohl sie im Merit‑Order nur selten eingesetzt werden; dadurch ist die GAPEX‑Beobachtung zentral missleitend.
[Quelle: energiezukunft.eu – Gaskraftwerke] - Moderne Schätzungen für Gaskraftwerke im Standby‑Betrieb liegen bei jährlichen Fixkosten von etwa 200.000 Euro pro MW‑Kapazität; zudem steigen die Netzentgelte und CO2‑Preise die effektive Stromkosten deutlich an.
[Quelle: energiezukunft.eu – Gaskraftwerke] - LOHC‑Systeme und verwandte PtG‑Technologien haben hohe CAPEX‑Kosten, aber im laufenden Betrieb sehr niedrige Grenzkosten, da sie überschüssigen Strom nutzen, der sonst abgeregelt würde.
[Quelle: Forschungszentrum Jülich – Neuartiger LOHC‑Wasserstoffspeicher]
[Quelle: energienovum.de – LOHC: Wasserstofftanken wie Benzin]
