Die Getretenen – Seite 3

Es ist hier weit und breit kein Polizist oder Ermittler. Es gibt hier nur die alarmierten Jugendlichen, die ihn auch gefunden haben und der Lehrer, der hinzugerufen wurde. Selbst der Rettungsdienst ist mit Internatskräften besetzt. Der Skandal des Selbstmordes wird so intern geregelt. Es ist eine Katastrophe.



Ich hatte früher selbst in dem Haus gelebt aus dem der Vierzehnjährige die Flucht in den Selbstmord angetreten hatte. Es gab in dem Haus einen schwulen Mitbewohner, der es verstand andere Altersgenossen dazu zu bewegen ihm erigierte Penise zu zeigen. Auch ich war eines seiner Opfer. Die Hauseltern wussten wohl nichts von dem Geschehen. Ich vermute fast, der Vierzehnjährige ist auch eines seiner Opfer geworden. Aber er hat uns nichts davon erzählt als er ein paar Wochen vor dem Selbstmord zu uns flüchtete. Wir selbst also ich und meine Zimmergenossen waren ja nicht viel älter und was verstehen schon Sechszehn- bis Siebzehnjährige von Krisenintervention. Nach seinem Tod diskutierten wir noch stundenlang am selben Abend darüber, was wir hätten anders machen müssen. Wir hatten es nicht kommen sehen und machten uns Vorwürfe.



Als ich sieben Jahre alt war, bekam ich keine Luft mehr. Ein Dorfjunge hatte dem Ketzer wie mir den Schal zugezogen und ich bekam ihn nicht mehr auf. Ich war auf dem Nachhauseweg von der Grundschule. Der Täter war älter als ich und stärker. Er hatte wohl seinen Spaß daran die Protestanten zu quälen. Am Sonntag würde er dann zu seinem katholischen Priester gehen und beichten. Der erteilt im dann die Absolution und es ist wieder alles gut in dem bayerischen Dorf. Ich bekam wirklich keine Luft mehr und hatte Todesangst. Der dämliche Schal ging nicht mehr auf. Meine Rettung war eine Klassenkameradin, die des Weges kam und mein angelaufenes Gesicht sah und mir half. Sie war meine Retterin.



Ich muss fünfzig Jahre alt gewesen sein, als ich mit ihr diskutierte. Von den Geschlechtsmerkmalen war sie ein junger Mann. Jung und begeistert wollte sie sich engagieren. Letztlich verstand ich von ihren Problemen nichts. Es ist nicht meine Welt. Ich bin bei allem, was ich auch immer kennenlernte ein heterosexueller Mann. Zwar hatte mich der Schwule im Internat heftig verwirrt, aber nach der Pubertät war meine sexuelle Orientierung vollkommen klar und auch meine Identität machte mir hierzu keinerlei Probleme. Aber selbst wenn ich ihre Probleme nicht vollkommen verstehen konnte, sah ich die Getretene. Mir sind wohl schon zu viele Getretene begegnet. Eines ist eigentlich allen gemeinsam, sie sind nicht so, wie die Tretenden sie haben wollen. Wie der katholische Dorfjunge eben in dem mehrheitlich katholischen Dorf Protestanten jagt.



Der Obdachlose redete mit mir jetzt schon über zwei Stunden. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mehr, was er mir alles erzählte. Die Geschichte trug sich zu als es bereits Mobiltelefone gab. In meiner Verzweiflung aus dem Gespräch nicht mehr rauszukommen, rief ich meine Frau zu Hilfe und lies mich von ihr befreien. Ich war ein Feigling. Ich hatte keine Kraft und keinen eigenen Mut mich aus der Situation zu lösen. Ich lies mich abholen.

Der Vierzehnjährige lag auf dem Boden neben dem Baum. Die Kollegen legten in auf die Rettungstrage und schoben ihn in den Krankenwagen. Es waren wesentlich mehr Jugendliche in der Zwischenzeit da.

 

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