Der Faschismus trägt keinen Stiefel mehr. Er trägt Maßanzug, lächelt und verwaltet. Eine Spurensuche in der Kontinuität der strukturellen Verachtung.
Der Schock der Ähnlichkeit
Wir haben gelernt, auf die Schreie zu achten. Wir haben gelernt, die groben Parolen zu erkennen. Aber während wir den Blick starr auf die Ruinen der Vergangenheit richten, hat sich die Verachtung längst einen neuen Wortschatz zugelegt. Sie schreit nicht mehr. Sie verwaltet jetzt.
Der Faschismus ist nicht verschwunden, er hat nur sein Kostüm gewechselt. Wir suchen nach Stiefeln und Hakenkreuzen, während die wahre Gefahr im Maßanzug und mit Excel-Tabellen daherkommt – als soziale Kälte-Technokratie, die Menschen zu Kennzahlen degradiert.
Die semantische Brücke: Die Übersetzungstabelle
Das Herzstück der Transformation ist ein stiller Sprachwechsel, der den gleichen Kern bewahrt. Die alten, plumpen Kategorien des Nationalsozialismus wurden nach 1945 nicht ausgelöscht, sondern nur demokratie- und marktkompatibel übersetzt.
| Alte Kategorie | Neue Kategorie |
|---|---|
| Übermensch | Leistungsträger / Elite |
| Unwertes Leben | Nicht wettbewerbsfähig |
| Volkskörper | Standort / Gesellschaft |
| Führerprinzip | Management / starke Führung |
| Gefolgschaft | Akzeptanz von Sachzwängen |
Das Entscheidende: Die Hierarchie bleibt ontologisch, nicht funktional. Man ist oben – man leistet nicht nur. „Leistung“ ist heute oft nur das Codewort für „Privileg“.
Wer oben geboren wird, deklariert seinen Status als Ergebnis von Anstrengung, um ihn moralisch unangreifbar zu machen. Die Verachtung kommt ohne Schimpfwort aus: „bildungsfern“, „Transferempfänger“, „Problemklientel“ – moralisch sterilisiert, aber in der Aussage strukturell identisch.
Der Habitus der Unberührbaren: Das Naturgesetz der Privilegien
Gloria von Thurn und Taxis ist hier eine lehrbuchhafte Fallstudie für das, was der Soziologe Pierre Bourdieu „symbolische Gewalt“ nannte. Sie muss nicht argumentieren. Ihr Reichtum und ihr Titel wirken wie ein Naturgesetz.
Dies ist kein intellektueller Faschismus, es ist prä-demokratisches Klassenbewusstsein, nie abgelegt, nur modernisiert. Sie braucht keine Argumente – ihr Sein ist das Argument.
Die funktionale Dummheit: Die Allianz aus altem Geld und neuem Zorn
Intelligenz ist in diesem System nicht erforderlich, manchmal sogar hinderlich. Autoritäre Vereinfachung wird als „nah am Volk“ verkauft, während echte Analyse als „elitär“ diskreditiert wird.
Es ist eine Allianz aus altem Geld und neuem Zorn, in der Dummheit als Brücke zur Masse dient.
Das gefährliche Kontinuum: Die Infrastruktur der Macht
Was überlebt hat, ist nicht der Faschismus als geheime Ideologie, sondern die soziale Infrastruktur, die ihn möglich machte. Familienvermögen, Netzwerke, autoritärer Unternehmer-Habitus – all das blieb nach 1945 intakt.
Diese Mentalität ist strukturell kompatibel mit Autoritarismus. Sie braucht keinen Diktator, nur Medienmacht, Konzerninteressen und Lobbyismus.
Das Fazit: Die Gefahr der sterilen Verwaltung
Die heutige Menschenverachtung braucht keine Gaskammern, sie braucht nur Kürzungen, Sanktionen und „Sachzwänge“. Sie ist steril, bürokratisch und deshalb so schwer zu fassen.
Der Wiederholungsmechanismus ist kein Hakenkreuz im Keller, sondern die ungebrochene Kontinuität einer Elite-Menschenverachtung, die sich jeder Epoche neu anpasst.
Entscheidend ist nicht eine geheime Nazi-Verschwörung der Reichen, sondern dass autoritäre, hierarchische Denkmuster in diesen Milieus schon vor 1933 verbreitet waren und nach 1945 als „unternehmerische Vernunft“ weiterwirkten.
