Versuch über die Verachtung als Wegbereiterin der Katastrophe
1. Die Behauptung
Die Katastrophe kommt nicht als Blitz aus heiterem Himmel. Sie kommt, weil die Mächtigen die Not der Ohnmächtigen verwalten, statt sie zu beenden, weil sie die Wut der Betroffenen als unreife Emotion entwerten und sich selbst für unangreifbar halten. In dieser Konstellation wächst derjenige, der den Verachteten verspricht, ihre Verachtung in Macht zu verwandeln. Und wer aus der Verachtung kommt, kennt kein Erbarmen mehr.
Das ist die These. Sie ist radikal, sie ist unbequem, und sie hat in der Geschichte des 20. Jahrhunderts Spuren, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Wer sie prüfen will, darf nicht bei der Frage stehen bleiben, ob Eliten den Untergang „wollen“. Die interessantere Frage ist, ob sie Bedingungen schaffen, unter denen ein anderer ihn herbeiführen kann – und ob sie das merken, bevor es zu spät ist.
2. Das Muster der Geschichte
Das Kaiserreich brach 1918 zusammen, ohne dass sein Führungsmilieu die Verantwortung für den Krieg und seine Opfer trug. Die Weimarer Republik wurde von Teilen der alten Eliten nie angenommen, von den Verlierern der Inflation und der Weltwirtschaftskrise gehasst. Hitler war 1923 noch ein Putschist, der im Bürgerbräukeller scheiterte und dafür kaum sechs Monate saß. Doch die Bedingungen, unter denen er 1933 Reichskanzler werden konnte, waren nicht allein sein Werk. Hindenburg und die konservativen Eliten glaubten, ihn kontrollieren zu können. Sie irrten sich. Die Machtübergabe war ein Akt der Selbstüberschätzung der Mächtigen, nicht ein Sieg der Straße allein.
In Russland brach das Zarenreich unter Krieg und Hunger zusammen. Lenin nutzte das Vakuum. Was danach kam, war Stalin. Die Parallele ist nicht perfekt, aber sie ist auch nicht beliebig.
Die Vertreter der These sehen in der Gegenwart dieselbe Konstellation im Werden. Putin und Trump seien das Vorspiel, nicht die Katastrophe selbst. Sie testen Grenzen, entwerten Institutionen, gewöhnen Gesellschaften an Regelbrüche. Putins Aufstieg aus dem Nichts des postsowjetischen Chaos war kein Zufall der Geschichte, sondern das Produkt eines Systems, in dem Korruption und Gewalt die einzigen verlässlichen Währungen waren. Trump wiederum gewann 2024 nicht trotz, sondern in gewissem Sinne wegen seiner juristischen Verstrickungen eine breite Zustimmung – weil ein erheblicher Teil der Wähler die Institutionen, die ihn verurteilten, für korrupter hielt als ihn selbst. Das ist die Entwertung der Institutionen von innen.
3. Der Mechanismus in vier Stufen
Der Mechanismus hat vier Stufen, und keine davon setzt eine bewusste Verschwörung voraus. Gerade deshalb ist er so schwer zu erkennen.
Erstens: Not wird verwaltet, nicht beendet. Eliten ignorieren Not und nennen das Sachlichkeit. Die Sprache der Verwaltung, der Ökonomie, der „Externalisierung“ kühlt ab, was eigentlich brennt. Wer in Not ist, hört Sätze wie „das ist komplex“ oder „dafür gibt es keine Mehrheit“. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch keine Antwort.
Zweitens: Das Vakuum füllt sich mit Ressentiment. Wer sich nicht gehört fühlt, hört auf den, der ihm zuhört – auch wenn dieser ihm nur Rache verspricht. Das Ressentiment ist keine Erfindung böser Menschen. Es ist die Reaktion auf eine Erfahrung, die niemand ernst nimmt.
Drittens: Das Ressentiment findet eine Gestalt. Diese Gestalt hat von oben Verachtung erfahren und will sie zurückgeben. Der Gefreite Hitler verachtete die Generäle, weil sie ihn verachtet hatten. Diese Hybris war nicht sein Untergang – sein Untergang war der Krieg, den er verlor. Sein Ziel war nicht der Untergang. Sein Ziel war die Umkehrung der Verachtung. Und genau das macht ihn so gefährlich: Wer die Verachtung umkehren will, braucht kein Erbarmen, weil er glaubt, es nie bekommen zu haben.
Viertens: Die Eliten glauben, ihn kontrollieren zu können. Papen und Hindenburg glaubten es 1933. Die Geschichte hat sie widerlegt. Und die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.
4. Warum das heute gefährlicher ist
Die Mittel sind größer geworden. Atomwaffen, Überwachung, Plattformen, die Wut in Echtzeit verstärken, geben einem entschlossenen Akteur Möglichkeiten, die Hitler nicht hatte. Die Institutionen, die ihn aufhalten sollten, stehen unter Druck: Medien verlieren Vertrauen, Gerichte werden politisiert, Parteien zerfallen in Flügelkämpfe.
Und die Systeme, die uns informieren, sind selbst Teil des Problems. Sie glätten Härte, relativieren Wut, übersetzen Not in Fachsprache. Wer sich nicht gehört fühlt, hört dann auf den, der ihm zuhört – auch wenn dieser ihm nur eine einfache Antwort gibt auf eine komplexe Frage.
Das ist kein Randphänomen. Es ist die Struktur der Öffentlichkeit selbst. Und wer sie versteht, kann sie nutzen. Wer sie nicht versteht, wird von ihr genutzt.
5. Der Ernstfall: Warum das keine graue Theorie ist
Ich schreibe das nicht aus sicherer Distanz. Ich habe in meinem Leben eine Gelegenheit gehabt, die viel Geld wert war – 5 Millionen Euro aus der Schweiz. Ich habe sie nicht angenommen. Nicht aus Dummheit, nicht aus Feigheit, sondern aus Skrupel. Und dieser Skrupel ist der Unterschied zwischen mir und manchen, die heute Macht haben.
Es braucht zur Macht nur ein kleines bisschen Skrupellosigkeit. Ich habe sie nicht. Aber ich kenne die Gedankenwelt, aus der sie kommt. Ich kann mich in manche Gedanken von Adolf Hitler hineinversetzen – nicht, weil ich sie teile, sondern weil ich verstehe, wie Verachtung funktioniert. Ich bin ein Niemand, aber ich bin es aus Skrupeln. Das ist der Unterschied zwischen mir und dem AfD-Abgeordneten, der den Haushaltsausschuss leitete. Er war 2010 Pirat ohne Werte. Ich bin 2013 nicht zur AfD, weil ich es mit meinen Werten der Piraten nicht vereinbaren konnte. Das ist keine Heldengeschichte. Es ist eine Beschreibung der Nähe.
Und diese Nähe ist der Punkt. Die Katastrophe ist nicht weit weg. Sie ist einen Skrupel entfernt. Wer das nicht glaubt, hat entweder nie in der Nähe gestanden oder nie darüber nachgedacht, was er tun würde, wenn die Verachtung groß genug wäre.
6. Was dagegen spricht – und warum es die These nicht entkräftet
Es wäre unseriös, die Gegenargumente zu verschweigen. Historiker sind uneins über die Belastbarkeit der Analogien. Trump und Putin sind verschiedene Fälle: Russland ist ein autoritärer Staat ohne Gewaltenteilung, die USA haben Gerichte und Wahlen, die bislang funktionieren. Armut allein führt nicht zu Diktaturen.
Aber diese Einwände treffen nicht den Kern. Der Kern ist nicht, dass die Katastrophe unvermeidlich ist. Der Kern ist, dass die Verachtung der Ohnmächtigen ein Risiko erzeugt, das Systeme gern übersehen – weil die Verachtenden selbst nicht zu den Ohnmächtigen gehören. Und weil sie glauben, dass ihre Skrupel sie schützen. Aber Skrupel schützen nur den, der sie hat. Sie schützen nicht die Gesellschaft vor denen, die sie nicht haben.
7. Das Ergebnis
Die These in ihrer haltbaren Form lautet nicht: „Eliten wollen den Weltuntergang.“ Sie lautet: Eliten schaffen die Bedingungen, unter denen ein Kränkungsmensch an die Macht kommen kann, indem sie Not verwalten statt beenden, Wut entwerten statt aufnehmen, und sich selbst für unangreifbar halten. In Teilen ist das dokumentierte Täuschung. In Teilen ist es strukturelle Blindheit. In jedem Fall ist es gefährlich.
Die Gegenmittel liegen nicht in der Hoffnung auf einen Sturz der Eliten. Sie liegen in Institutionen, die Kurzfristigkeit und Lobbymacht begrenzen. Aber Institutionen allein reichen nicht, wenn die Sprache, in der sie sprechen, die Not der Betroffenen nicht erreicht. Wer die Verachtung nicht ernst nimmt, wird von ihr überrascht.
Und wer glaubt, die Katastrophe sei weit weg, sollte sich fragen, wie viele Skrupel ihn von ihr trennen. Die Antwort ist oft kürzer, als man denkt.

