Warum München nicht zufällig erfolgreich ist – und schon gar nicht wegen der CSU
Ich bin 1965 in der Lindwurmstraße 2a in München geboren – in eine Stadt, die damals längst eine Millionenstadt war. Die Millionengrenze hatte München bereits am 15. Dezember 1957 überschritten, als Thomas Seehaus symbolisch als millionster Einwohner gefeiert wurde.1 Als ich zur Welt kam, lebten hier rund 1,2 Millionen Menschen.2 Aufgewachsen bin ich dann 40 Kilometer vor den Toren dieser Stadt, und erst 1994 bin ich zurückgekehrt. Wer aus dem Umland kommt, kennt das Gefühl: Man fährt in eine andere Welt. Eine Welt, die nicht nur größer, sondern auch reicher, dichter, lauter und – ja – erfolgreicher ist.
Man kann das als Zufall abtun. Man kann es als Glück der Geografie verbuchen. Oder man kann sich einreden, die CSU habe das alles im Alleingang geschaffen. Alle drei Erklärungen greifen zu kurz. Denn was München in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat, ist das Ergebnis eines strukturellen Systems, das weit über Parteipolitik hinausgeht – ein System, das man in ähnlicher Form auch in anderen wirtschaftlich starken, weltoffenen Regionen findet: in New York, in Kalifornien, in London. Überall dort, wo Offenheit zur Standortpolitik wurde, folgte wirtschaftlicher Erfolg. Das ist kein Zufall, sondern ein Muster.
Die harten Fakten
Schauen wir auf die Zahlen. München erwirtschaftet 19,0 Prozent des bayerischen BIP, obwohl nur 11,4 Prozent der bayerischen Bevölkerung hier leben.3 Die Arbeitsproduktivität liegt bei 122.227 Euro je Erwerbstätigen – deutlich vor Hamburg und Berlin.4 Die Arbeitslosenquote beträgt 5,0 Prozent, die niedrigste unter allen deutschen Großstädten. Berlin kommt auf 10,3 Prozent, Hamburg auf 8,3 Prozent, Köln auf 9,1 Prozent.5 Über 976.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte bedeuten einen historischen Höchststand.6 Die Gewerbesteuereinnahmen erreichten 2025 3,63 Milliarden Euro – so viel wie nie zuvor.7
Und dann ist da noch die Start-up-Szene. 2025 hat München Berlin als Gründungsmetropole abgelöst: 19,3 Neugründungen je 100.000 Einwohner gegenüber 16,8 in Berlin. 2,7 Milliarden Euro Venture Capital flossen in Münchner Start-ups – mehr als in Berlin. Acht Unicorns und zwei Decacorns gehören zum Ökosystem.8
Ein Ökosystem, kein Parteiprojekt
Warum ist das so? Die Antwort liegt in einem Begriff, den das Manager Magazin geprägt hat: dem „München Code“.9 Gemeint ist damit ein spezifischer Mix aus stabilen DAX-Konzernen, einer breiten Mittelstandsbasis und einer hochdynamischen Start-up- und Technologieszene. In München haben sieben DAX-Unternehmen ihren Sitz – Allianz, BMW, Infineon, MTU Aero Engines, Munich Re, Siemens und Siemens Energy.10 Das ist mehr als in Düsseldorf, Frankfurt, Essen oder Stuttgart.
Dazu kommen exzellente Forschungsinstitutionen wie die LMU und die TUM, die als Talentmagnete wirken, eine florierende Kultur- und Kreativwirtschaft und ein Arbeitsmarkt, der hochqualifizierte Fachkräfte aus aller Welt anzieht.
Diese Mischung ist über Jahrzehnte gewachsen. Eine Brookings-Studie kommt zu dem Schluss, dass hochwertige Führung und effektive Mehrebenen-Governance in Bildung, Forschung und Infrastruktur für Münchens Erfolg möglicherweise entscheidender waren als die ursprünglich geerbten Stärken der Stadt. Mit anderen Worten: Es war nicht der bayerische Himmel, der München reich gemacht hat. Es war eine bewusste, langfristige Strategie.
Genau dasselbe Muster kennt man aus den USA. Kalifornien ist nicht wegen seines Klimas die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt geworden, sondern weil der Bundesstaat über Jahrzehnte Einwanderung, Forschung und Risikokapital systematisch zusammengebracht hat – vom Silicon Valley bis Hollywood. New York ist nicht trotz, sondern wegen seiner Dichte an Kulturen, Sprachen und Lebensentwürfen zum globalen Finanz- und Kreativzentrum geworden. Beide Regionen zeigen: Wirtschaftliche Stärke und gesellschaftliche Offenheit sind kein Widerspruch, sondern bedingen sich gegenseitig.
Richard Florida und die kreative Klasse
Der US-Ökonom Richard Florida prägte in den frühen 2000er Jahren das Konzept der „kreativen Klasse“. Seine These: Hochqualifizierte, kreative Menschen – in Technologie, Kunst, Design, Wissenschaft – suchen sich Wohnorte nicht nur nach Jobangeboten, sondern vor allem nach Lebensqualität, Toleranz und einer offenen Atmosphäre aus. Diese Menschen sind der Motor für Innovation und wirtschaftliches Wachstum.11
Florida formulierte daraus den TTT-Index: Technologie, Talent, Toleranz. Städte, die in allen drei Dimensionen stark sind, ziehen die kreative Klasse an – und wachsen dadurch schneller. Nach dem Florida-Index liegt München auf Platz 1, noch vor Berlin.12 Die Theorie ist nicht unumstritten – eine Studie an britischen Städten fand nur schwache Evidenz für den direkten kausalen Zusammenhang.13 Aber die Grundmechanik – dass Offenheit und Vielfalt Talente anziehen und dadurch Wohlstand schaffen – wird von der neueren Forschung gestützt, und sie erklärt eben auch, warum San Francisco, Austin oder eben München immer wieder oben auf solchen Rankings landen.
Der Gegenpol: Was in fremdenfeindlichen Regionen passiert
Der von Florida beschriebene Mechanismus hat eine logische Kehrseite, die ebenfalls belegt ist. Regionen mit ausgeprägten fremdenfeindlichen Einstellungen haben einen messbaren Wettbewerbsnachteil im Kampf um Arbeitskräfte.
Zwei Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen:14
- Junge und hochqualifizierte Arbeitskräfte ziehen seltener in Regionen mit verbreiteter Fremdenfeindlichkeit. Sie meiden solche Regionen besonders stark – genau die Menschen, die am dringendsten gebraucht werden.15
- Ausländische Arbeitskräfte reagieren auf Fremdenfeindlichkeit mit vermehrtem Fortzug. Eine höhere Fremdenfeindlichkeit verschlechtert ihre Lebensqualität vor Ort.16
- Dadurch gefährden diese Regionen ihre Standortattraktivität für Unternehmen.17
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, brachte es nach den Landtagswahlen 2026 auf den Punkt: „Wenn eine Partei stärkste Kraft wird, die unsere Demokratie und den europäischen Binnenmarkt so radikal infrage stellt, dann schreckt das Investoren ab. Erst recht sind die unverhohlen fremdenfeindlichen Parolen dieser Partei keine Einladung an Arbeitskräfte aus dem Ausland.“18
Die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern
2026 haben die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die AfD zur stärksten Kraft gemacht. In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen – ein Zuwachs von 23 Prozentpunkten gegenüber 2021. Die CDU fiel um 19,9 Punkte auf 17,2 Prozent zurück.19 In Mecklenburg-Vorpommern holte die AfD 38,2 Prozent, die SPD kam auf 35,5 Prozent. Die CDU verpasste mit 4,9 Prozent erstmals den Einzug in ein Landesparlament.20
Die wirtschaftlichen Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Vertreter der deutschen Industrie warnten, der AfD-Wahlsieg könne „die Abwanderung von Menschen und Unternehmen aus Sachsen-Anhalt beschleunigen und somit die Lage im Bundesland deutlich verschlechtern“.21 Siemens-Chef Roland Busch mahnte: „Weder gut für Deutschland noch für Siemens.“22 Der IHK-Präsident von Sachsen-Anhalt betonte, „viele Unternehmen in Sachsen-Anhalt sind auf internationale Fach- und Arbeitskräfte angewiesen“.23
Das ist die ökonomische Logik, die hinter der Münchner „Insel der Glückseligen“ steht – und die erklärt, warum Regionen, die auf Abschottung setzen, wirtschaftlich verlieren. Mecklenburg-Vorpommern hat eine Arbeitslosenquote von 7,8 Prozent, die Löhne liegen unter dem Bundesschnitt, und die Wirtschaftsleistung von knapp 64 Milliarden Euro ist die kleinste im Osten.24 Sachsen-Anhalt kämpft seit Jahren mit Abwanderung und Fachkräftemangel. Die Wahl fremdenfeindlicher Parteien verschärft genau diese Probleme – sie vertreibt die Menschen, die diese Regionen dringend brauchen.
Warum München anders ist
München ist nicht erfolgreich, weil hier die „richtige“ Partei regiert. Seit dem 1. Mai 2026 führt mit Dominik Krause (Grüne) erstmals ein grüner Oberbürgermeister die Stadt – er beendete damit 42 Jahre SPD-Herrschaft im Rathaus, während der Freistaat weiterhin von der CSU regiert wird.25 Diese produktive Spannung zwischen Stadt und Land hat München vorangebracht, weil beide Seiten ihre gegenseitige Abhängigkeit erkannten.26
Krause selbst steht dabei sinnbildlich für das München, um das es hier geht: offen lebend, seit 2024 mit seinem langjährigen Partner Sebastian Müller verlobt. Als er am Wahlabend gewann, bedankte er sich auf der Bühne öffentlich bei ihm als „die Liebe meines Lebens, ohne den das alles nicht möglich gewesen wäre“ – ein Moment, der auch international registriert wurde, weil damit erstmals ein offen schwuler Politiker eine deutsche Millionenstadt anführt.27 Dass so etwas in München kaum noch für Aufregung sorgt, ist selbst schon eine Aussage über die Stadt.
Der aktuelle CSU-Stadtrat in München kritisiert die eigene Rathaus-Regierung im Übrigen weiterhin dafür, „null Komma null neue Gewerbeflächen“ geschaffen zu haben.28 Und die CSU-geführte Staatsregierung wird von den Grünen dafür kritisiert, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in München durch Kürzungen zugesagter Fördermittel zu gefährden.29
Was München wirklich stark macht, sind vier Faktoren:
- Branchenvielfalt: Automotive, Finanzen, High-Tech, Versicherungen, Medien und Kreativwirtschaft – diese Breite macht die Stadt resilienter gegen Krisen.
- Wissenschaft: LMU und TUM sind Motoren für Ausgründungen und Innovation.
- Anziehungskraft: Menschen mit Migrationshintergrund machen etwa 50 Prozent der Münchner Bevölkerung aus. Der Beschäftigungsanteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit liegt bei 25 Prozent und steigt.
- Kultur der Offenheit: Die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Metropolregion München umfasst 117.000 Erwerbstätige, 29.000 Unternehmen und 20 Milliarden Euro Jahresumsatz – 14,4 Prozent des gesamtdeutschen Umsatzes dieser Branche.30
Fazit
Die „Insel der Glückseligen“ ist nicht nur gefühlt, sondern auch messbar. München ist erfolgreich, weil es – über Parteigrenzen hinweg – verstanden hat, dass Wohlstand aus Offenheit, Bildung, Vielfalt und langfristigem Denken entsteht. Genau das teilt die Stadt mit anderen wirtschaftlich starken, weltoffenen Regionen wie New York oder Kalifornien: Der Erfolg ist dort überall dort entstanden, wo Talent, Toleranz und wirtschaftliche Dynamik zusammenkamen – nicht trotz, sondern wegen der Offenheit. Die CSU hat ihren Anteil an Münchens Erfolg, keine Frage. Aber sie hat ihn nicht gepachtet. Und wer glaubt, München sei erfolgreich, weil hier seit Jahrzehnten die „richtige“ Regierung sitzt, verwechselt Ursache und Wirkung.
Die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigen, was passiert, wenn Regionen den entgegengesetzten Weg einschlagen. Die Wissenschaft ist da eindeutig: Fremdenfeindlichkeit und Abschottung vertreiben genau die Menschen, die eine Region für wirtschaftlichen Erfolg braucht. Wer Menschen hasst, braucht sich nicht zu wundern, wenn es wirtschaftlich bergab geht.
Fußnoten
- Landeshauptstadt München, Die Bevölkerungsentwicklung seit 1875, S. 12. (stadt.muenchen.de) ↩
- Münchner Statistik 1967, S. 3. (mstatistik.muenchen.de) ↩
- Münchner Jahreswirtschaftsbericht 2026, S. 18–19. (risi.muenchen.de) ↩
- Ebd., S. 20. (risi.muenchen.de) ↩
- Munich Annual Economic Report 2026. (stadt.muenchen.de) ↩
- Ebd. (stadt.muenchen.de) ↩
- Münchner Jahreswirtschaftsbericht 2026. (risi.muenchen.de) ↩
- Munich Annual Economic Report 2026. (stadt.muenchen.de) ↩
- Manager Magazin, Februar 2026, zitiert nach Münchner Jahreswirtschaftsbericht 2026. (risi.muenchen.de) ↩
- Munich Annual Economic Report 2026. (stadt.muenchen.de) ↩
- Richard Florida, The Rise of the Creative Class, 2002. (oxfordbibliographies.com) ↩
- Absatzwirtschaft, 26.08.2010. (absatzwirtschaft.de) ↩
- Nathan, M. (2008), UCL Discovery. (discovery.ucl.ac.uk) ↩
- IAB-Forum, 25.03.2025. (iab-forum.de) ↩
- Ebd., Interview mit Tanja Buch. (iab-forum.de) ↩
- Ebd. (iab-forum.de) ↩
- Ebd. (iab-forum.de) ↩
- Zeit Online, 08.09.2026. (zeit.de) ↩
- Tagesschau, 07.09.2026. (tagesschau.de) ↩
- Tagesschau, 20.09.2026. (tagesschau.de) ↩
- Tagesschau, 07.09.2026. (tagesschau.de) ↩
- WELT, 08.09.2026. (welt.de) ↩
- WELT, 10.09.2026. (welt.de) ↩
- ARD Sounds, 18.09.2026. (ardsounds.de) ↩
- Statistisches Amt München, Kurzanalyse der Oberbürgermeister-Stichwahl, 22.03.2026: Dominik Krause (Grüne) gewinnt mit 56,4 % gegen Dieter Reiter (SPD). (stadt.muenchen.de) ↩
- Markus Büchler, MdL (Grüne), 08.05.2025. (markus-buechler.de) ↩
- Attitude, 23.03.2026: Krause bedankt sich bei seinem Verlobten Sebastian Müller nach dem Wahlsieg. (attitude.co.uk) ↩
- Abendzeitung München, 22.01.2026. (abendzeitung-muenchen.de) ↩
- Markus Büchler, MdL (Grüne), 08.05.2025. (markus-buechler.de) ↩
- Kultur- und Kreativwirtschaft Metropolregion München, zitiert nach Münchner Jahreswirtschaftsbericht 2026. (risi.muenchen.de) ↩

