Haben und Sein

Erich Fromm setzt sich mit diesen beiden Begriffen antagonistisch auseinander. Im Sinne der Qualität und Quantität setzt er sich in seiner Gesellschaftskritik für Qualität ein. Ich teile zwar die Wertung von Erich Fromm, ich will hier aber gar keine Wertung vornehmen.  Ohne Wert haben wir kein Maß und ohne Maß haben wir keinen Wert. Haben und Sein sind nur scheinbar gegensätzliche Begriffe.  Das Haben ist hier vergleichbar mit der Quantität und das Sein vergleichbar mit der Qualität.

Der Einstieg in Maß und Wert begann mit darüber und für mich wäre damit schon alles darüber gesagt, wenn ich davon ausgehen könnte, dass der Grundgedanke verstanden worden ist. Beim Schreiben dieses Artikels war ich auf der Suche nach einem Satz, der da endete „wenn kein Unterschied besteht.“ Ich wollte mich selbst zitieren und finde ihn nicht. Dafür fand ich alte Gedanken zu Haben: „Haben als eine Tätigkeit vergisst, dass wir nichts behalten können, weder unser Leben noch unsere Nahrung. Jeder Besitzstand versucht diese Vergänglichkeit zu kompensieren, weil wir gegen das Vergangene streben um die Zukunft zu erreichen, derweil können wir weder die Zukunft noch die Vergangenheit besitzen.“

Auf philo.at schrieb ich: „Nichts ist der Name für das Sein, wenn kein Unterschied mehr besteht. Sein ist der Name für das Nichts, wenn kein Unterschied mehr besteht.“

Wie diese Sätze zu der Welt gehören, in der wir nunmal leben, so ist das Sein eine Qualität uns selbst wenn die Qualität das Nichtsein ist, dann ist dieses Nichtsein ein Sein in dieser Welt. Das Haben ist die Quantität, die ohne diese Qualität nicht habbar ist. In letzter Konsequenz können wir der gesamten Welt auch wissenstechnisch nur zu einem gewissen Punkt habhaft werden. In dieser Welt können wir auch die Vorwelt und die Nachwelt uns geistig aneignen und uns Vorstellen, was vor dem Urknall gewesen wäre, aber das ist dann eine Phantasie dieser Welt und gehört immer noch in diese Welt. Es ist. Im Maximum wie auch im Minimum ist es in der Quantität Eins und selbst das Nichts fällt in diese Eins hinein.

Etwas nicht zu haben ist eine Quantität der Größe Null im Sein. Auch das Nichtsein ist ein Wert im Sein. Wenn jemand Vitamin-C-Mangel hat, dann ist das Sein des Vitamin und seine Notwendigkeit der Existenz die Bedingung den Mangel haben zu können, wenn auch die Quantität dieses Seins im schlimmsten Falle Null ist und Skorbut auslöst.

Ein Haben bedingt immer auch ein Sein, selbst im Nichthaben ist das Sein Bedingung. Das Nichtsein hingegen ist nur eine Qualität des Seins. Selbst wenn etwas nicht ist, ist es immer noch in der Welt als sprachlicher Ausdruck und als solches in der gleichen Welt. Und wenn wir über das Unvorstellbare oder Nichtbeschreibbare schreiben oder denken, dann ist es mindestens als solches immer noch etwas und in dieser Welt. Wir können die Welt nicht überschreiten. Wir mögen uns das zwar vorstellen können, aber dann ist immer noch die Vorstellung davon in der Welt.

Aus dieser Erkenntnis wird in den letzten hundert Jahren eine gewisse Beliebigkeit konstruiert. Das halte ich für falsch. Die Anerkenntnis, dass wir Aussagen treffen können und das unsere Aussagen nur dann Aussagen sind, wenn sie existieren und zunächst mal wahr sein müssen, damit sie falsch sein können, bedeutet nicht, dass alles beliebig wäre. Es ist falsch zu sagen, wir könnten nichts sagen. Wir können alles sagen und denken, was wir wollen. Wir können aber Aussagen nur dann bewerten, wenn wir ihre Existenz anerkennen. Manche Aussagen sind so unsinnig, dass uns das nicht weiter schwer fällt. Die Qualität einer Aussage ist ihre bloße Existenz, die Quantität einer Aussage ist ihr Wert.

Haben und Sein sind Ansichten eines Gegenstandes. Das Sein ist nicht zu haben und das Haben ist nicht zu sein bzw. Sein ist und Haben hat. Wenn Sein der Wert ist, dann ist Haben das Maß. Sein ist die Qualität und Haben ist die Quantität.

Ohne Maß haben wir keinen Wert.

Eine Quantität ist ohne Qualität nicht bestimmbar.

Haben ist ohne Sein nichts.

Insofern messen wir in wirtschaftlichen Prozessen immer nur die Quantitäten und nicht die Qualitäten. Deswegen sind diese Zahlenwerte immer ohne Wert. Deswegen lohnt es sich scheinbar Leben zu vernichten und Arten auszurotten, weil der Wert des Seins in die Buchhaltung gar nicht einfliesst. Mag die Buchhaltung in der Quantität noch so perfekt sein und eine Wertsteigerung ausweisen, sie ist in der Qualität falsch.  Die Würde des Menschen hat keine Zahl in diesem wirtschaftlichen Sinne, sind aber diese Seinswerte nicht enthalten ist jeder wirtschaftliche Rat falsch. Dennoch orientiert sich die Politik an diesen Habenwerten, die nichts mit den Seinswerten zu tun haben. Wenn Börsen dann in dem fünf bis sechsfachen der Erdwerte spekulieren, dann sind das einfach nur sinnlose Zahlen, die in den Köpfen als Haben verbucht werden, die aber keinen Wert haben. Ihnen fehlt es an jeglicher Qualität im Sein. Es ist eine wissenschaftliche Lüge, deren mathematische Rechnung in der Anbetung der Zahlen zwar korrekt sind, die aber eine Irrung sind, wie die Irrungen des Mittelalters als die seelisch religiösen Werte in den Vordergrund gestellt wurden.

Ohne Maß haben wir keinen Wert.

Eine Quantität ist ohne Qualität nicht bestimmbar.

Haben ist ohne Sein nichts.

 

 

 

 

 

 

 

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