Sein und Nichts

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“ (Tractatus 6.54, Ludwig Wittgenstein) „Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes „Bedeutung“ – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ (PU 43, selbiger). Oder ich könnte hier auch αρχή ο Λόγος bemühen und wenn das erste Wort „Nichts“ wäre, dann wäre immer noch das Wort und das Nichts und damit wäre etwas und schon wäre ein Sein. Ein Nichts kann sich nicht selbst bezeichnen. Nichts kann nur sein, wenn mindestens Nichts ist. Selbst wenn es nicht existiert, ist seine Existenz.

In Haben und Sein schrieb ich „Etwas nicht zu haben ist eine Quantität der Größe Null im Sein.“ Was wir als Nichts bezeichnen ist eigentlich nur eine Quantität des Seins, gleichzeitig dabei aber auch eine Qualität des Seins. Im Nichts fallen Maß und Wert zusammen.

Sein ist der Name für das Nichts, wenn kein Unterschied mehr besteht.

Das heißt mitnichten, dass keine Unterschiede bestünde. Im Gegenteil  αρχή ο Λόγος schon das Wort und sei es nur das Wort „Ich“ unterscheidet zwischen dem Sein und Nichtsein.  Nähmen wir an, ich selbst wäre alles was existiert und auch diese Zeilen hier, sind nichts anderes als die Trennung in meiner Welt, was ich als in mir selbst betrachte und was ich äussere, dann sind diese Zeilen Nichtich, obwohl alles ich wäre. Es wäre die möglicherweise unsinnige Beschäftigung eines Geistes, der sich einfach in einer unendlichen Langeweile selbst in zwei Teile teilt und das eine als Ich betrachtet und etwas anderes eben als Nichtich. Von aussen betrachtet, gäbe es aber diese Trennung nicht, das wäre ja immer noch ein Einziges.

Alles was ist, inklusive dieser Zeilen, ist in der Welt und nicht irgendwo ausserhalb dieser Welt. Jede Wissenschaft ist nicht weltlos. Im Gegenteil sie beeinflusst die Welt. Diese Zeilen hier sind nicht in Stein gehauen und ohne unsere physikalischen Erkenntnisse, könnte sie keiner Lesen. Wobei jetzt jemand aus dem letzten Satz eine margritsche Pfeife basteln könnte, indem er den Satz in Stein haut. Wobei das in Stein hauen ein schönes Beispiel dafür ist, wie das Nichts erst den eigentlichen Inhalt schafft. Gerade das Entfernen des Steines schafft dann die Inschrift. Robert Kaplan sagt in seinem Buch „Die Geschichte der Null“, dass das Kreiszeichen der Null durch die Wegnahme des Steines in Indien entstanden sein soll.  Was wir als Nichts bezeichnen, ist lediglich eine Grenze des Seins. Ob die Grenze nun links oder rechts oder oben oder unten ist, ist dabei vollkommen unerheblich, sondern nur eine Frage der Ansicht.

Wir kommen mit dem Dualismus das beides ohne Unterschied gleichzeitig vorhanden ist nicht zurecht. Wenn wir etwas messen können und es für uns zählbar ist, dann scheint es uns schwer vorstellbar, dass es gleichzeitig auch unzählbar sein könnte.  Unsere alltägliche Erfahrungswelt ist darauf ausgerichtet und wahrscheinlich auch evolutionär darauf entwickelt, dass da etwas ist oder eben etwas nicht ist. Wäre ja auch irgendwie blöd, wenn der Affe als er sich von Baum zu Baum hangelte, ständig neben den Ast gegriffen hätte. Luft wäre nur für einen Vogel ein tragfähiges Element.

Etwas nun, dessen Sein wir mit seinem Ort anerkennen, ist etwas, das wir bezeichnen. Wenn ich nun zwei Nichtorte habe, sprich zwei Spalten und dort etwas, was beim Nachschauen einen Ort hat durchschicke, dann ist für uns zu erwarten und unseren Denkmodellen unseres Dualismus einfach klar, dass es entweder durch den Platz, dem ich dem Teilchen gelassen habe, es sich entscheiden muss und nicht durch beide Nichtorte gleichzeitig spazieren kann. Nun ist ein Ort eine Position eines Punktes, eigentlich nur ein Gedankenkonstrukt des Affen, ob da ein Ast ist oder kein Ast. Für Äste ist das sehr praktisch. Im Falle von Lichtquanten wird es schwierig. Die mögen in ihrem Sein sich da nicht ganz an unsere Definitionen halten. Ort und Nichtort verhalten sich da nicht so ganz wie Äste. Wir haben aber in den letzten hundert Jahren ganz gut damit gelernt umzugehen und entwickelten den Begriff Welle-Teilchen-Dualismus.

Das ein Seiendes mit einem Nichtseiendem zusammenfallen könnte und letztlich einfach etwas anderes aber dennoch Seiende ist, das ist für uns widersprüchlich und scheinbar undenkbar. Was wir dabei vergessen, dass unsere Sprache nicht die Welt ist. Die Sprache selbst ist sogar Teil dieser Welt und auch unser komplettes Denken. Die Regeln, die wir aufstellen, beschreiben nicht nur die Welt, sie verändern auch die Welt. Derzeit tun wir das aber etwas ziellos und wertelos. Wir kommen sogar auf den Gedanken, eine Maschinenökonomie zu entwickeln, wo Maschinen Maschinen bezahlen sollen und selbstständig Handel treiben. Das ganze nennen wir dann wirtschaftliche Zwänge. Konsequent Zuende gedacht, mag es dann ein Sein geben, was auf den Menschen verzichtet.  Wir sind dann gewesen und das Wort Sein ist dann bedeutungslos geworden. Dann ist der Mensch der Dinosaurier irgendwelcher Maschinenwelten und sein Sein mag für die Maschinen wichtig gewesen sein.

Vernünftige Politik würde sich nicht dermaßen wertelos treiben lassen. Was wir sind und was wir sein wollen, sollten wir schon auch sein. Wenn wir aber nichts sind und unsere Existenz uns nichts wert ist, dann macht es eigentlich keinen Unterschied. Dann allerdings sind wir auch jetzt schon Nichts. Unwille ist letztlich auch ein Wille.

Ohne Wille ist Sein und Nichts gleich.