Maß und Wert

„Ich will jetzt eine Zigarette rauchen und etwas darüber schreiben.“ „Bitte, wenn du das tust, dann schreibe Sätze, die nicht wie diese sind.“ Meine Frau hat wie immer Recht. Das „darüber“ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Zigarette.  Ich setze beim Leser oder auch Hörer meiner Äußerungen einfach zu viel voraus. Auf die Frage von Wilhelm Vossenkuhl „Was ist Wert?“ antwortete ich mal „Ich weiß nicht, was Wert ist.“, demzufolge bin ich ein Idiot. Denn die Antwort ist falsch. Selbstverständlich weiß ich mehr darüber, als ein „Ich weiß es nicht.“, bin aber irgendwie, wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß ein Professor für Philosophie der Problematik bewusst sein müsste und damit mein „Ich weiß nicht.“ richtig interpretiert. Hier habe ich wieder zu viel vorausgesetzt. Wenn ich sage „Wir können nicht messen.“, dann bin ich ebenso ein solcher Idiot. Auch hier setze ich voraus, dass die Tatsache, dass wir messen, bekannt ist und ich nicht der Trottel bin, der diese Tatsache ignoriert.

Ich stehe wie jeder Denker auf den Schultern von Riesen, der weder alle Gedanken die gedacht worden sind und niedergeschrieben worden sind bestreitet, noch von sich behauptet, daß alles was er (also ich) schreibt, auf seinem Mist gewachsen ist. Mein Beitrag ist klitzeklitzeklein. Voraussetzungslos lässt sich nicht denken.

Je kleiner nun ein Sachverhalt ist, desto schwieriger mag es sein ihn zu erklären. Manchmal mögen es die Kleinigkeiten sein, die die Welt verändern. Es wird mehr als ein einziges Schriftstück notwendig sein, aber irgendwo muss es ein erstes Stück geben, welches versucht darzustellen und zu erklären, worum es mir geht.

Die Axiologie ist ein vernachlässigte Wissenschaft, derweil mag es das Wichtigste sein, was wir benötigen. Doch ist diese meine Aussage wahrscheinlich dem geschuldet, dass jeder Denker, der sich mit etwas beschäftigt, das für wichtig hält, sonst würde er das ja wohl kaum tun. Die Philosophie als Solches ist eine brotlose Kunst. Niemand bezahlt einen dafür und niemand ist sie ausser als Prechtsche Unterhaltung oder Habermassche Andachtsrede etwas wert. Wir sind zu einer wertlosen Gesellschaft verkommen, die von Sachzwängen redet und dabei von den Tatsachen, die unsere Welt bestimmen keine Ahnung mehr hat.

Maß und Wert sind zur Beliebigkeit verkommen.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge gerade einen Physiker und einen Mathematiker an die Decke hüpfen und dem heftigst widersprechen. Sowohl „Measure“ als auch „Value“ sind die Mengen, die für diese Berufsgruppe nicht beliebig sein dürfen. Für den Physiker ist die Beliebigkeit noch mehr verboten als für den Mathematiker.

Dennoch ist der Kaiser nackt.  Es geht nicht um die Aussage eines dreijährigen, dass die Tasse voll oder  leer ist. Jedes dreijährige Kind kann das messen und bewerten. Physiker und Mathematiker mögen das auf einem komplexeren Niveau ebenso machen aber mit der Reflektion eines dreijährigen Kindes. Sie sind deshalb die Könige unserer Kindergesellschaft.

Und wie bei einem dreijährigen Kind, dem man das Spielzeug klaut, gibt es einen Aufschrei, wenn behauptet wird „Wir können nicht messen.“ und „Wir können nicht objektiv bewerten.“ und wie bei einem dreijährigen Kind, hält sich danach die Gesellschaft die Ohren zu.

Nehmen wir mal den lexikalischen Satz aus Wikipedia „Ein Axiom (von griechisch ἀξίωμα: „Wertschätzung, Urteil, als wahr angenommener Grundsatz“) ist ein Grundsatz einer Theorie, einer Wissenschaft oder eines axiomatischen Systems, der innerhalb dieses Systems nicht begründet oder deduktiv abgeleitet wird.“ dieser Satz ist falsch.

Ein Axiom ist nämlich nur dann ein Axiom, wenn es innerhalb des menschlichen Denkens als solches anerkannt ist und einen Wert erhält. Wäre dem nicht so, dann wäre das Axiom bedeutungslos. Da wir über unser Menschsein und über unser Denken nicht hinauskönnen, ist das Axiom innerhalb dieses Systems begründet worden.  Es ist auch innerhalb des System des menschlichen Denkens abgeleitet worden. Um ein Axiom formulieren zu können, muss ich der Ableitung von Bedeutungen fähig sein. Ich muss den Satz in welcher Sprache auch immer verstehen können. Bestehen diese selbstverständlichen und sei es auch nur umgangssprachlichen Regelungen und Schlussfolgerungen nicht, dann gibt es keine Sätze. Wer das bestreitet, der kann auch diese Sätze hier nicht lesen. Ja, er wäre noch nicht einmal zur Sprache fähig.

Diese Selbstverständlichkeit, die schon einem dreijährigen Kind bekannt ist, setzen wir ungesagt voraus. Und mit dieser Selbstverständlichkein messen wir auch. Nur ohne diese Werte können wir gar nicht messen. Die Menge, der Flüssigkeit in der Tasse des Kindes und die Zuordnung ist uns so selbstverständlich, dass uns schon die bloße Behauptung, dass wir nicht messen können absurd erscheinen muss.

Ohne Wert haben wir kein Maß.

Ohne Maß haben wir keinen Wert.

Wenn wir etwas nicht messen können, dann liegt es an den Werten, die wir zugrunde gelegt haben. Umgekehrt können wir etwas messen, was keinen Sinn ergibt, wenn die zugrundeliegenden Werte falsch sind. Die mathematischen Schlussfolgerungen mögen dann zwar korrekt sein, nur sind die Vorraussetzungen möglicherweise falsch gewählt.

Für meine Begriffe geschieht das in wirtschaftlichen Prozessen ständig. Die sogenannten Sachzwänge sind hierbei nur Schlussfolgerungen falscher Werte, die zwar richtig gerechnet worden sind, das Ergebnis aber dennoch falsch ist, weil die zugrundeliegenden Werte falsch gewählt worden sind. Der Wert des Menschen wird hierbei nicht mehr als Prämisse gesetzt, weil er in Zahlen nicht einfach oder gar nicht zu fassen ist. Das führt dann zu einer unmenschlichen Politik, weil das Verhältnis zwischen Maß und Wert so gut wie unbekannt ist und nicht durchdacht ist.

Weil nun die Physik und die Mathematik so erfolgreich sind, haben wir uns zu Sklaven einer Berechnung gemacht ohne eine Bewertung mehr vorzunehmen, was logisch grundlegend ist. Dabei ist es nicht so, dass gewisse Werte nicht beweisbar – im Sinne von aufzeigbar wären, sie spielen nur keine Rolle mehr. Ein Satz wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ ist wertlos, wenn nicht konsequent aus diesem Wert abgeleitet wird.  Hierbei könnte man es durchaus als Axiom bezeichnen, aber es ist nicht so, dass dieses Axiom „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ grundlos ist und nicht begründet werden kann. Es kann sogar aus den historischen Verhältnissen abgeleitet werden. Eine wirtschaftliche Berechnung, die diesen Grundsatz unseres Grundgesetzes nicht berücksichtigt, ist falsch. Zwar mag alles richtig gerechnet worden sein, aber die Rechnung ist dennoch falsch.

Ohne Wert haben wir kein Maß. Ohne Maß haben wir keinen Wert.

 

 

 

 

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