Ein Thread gegen das Vergessen – Deutschland, 2020–2026

Erstmals veröffentlicht als Thread auf X (@ArnoldSchiller), 13. Februar 2020. Ergänzt Juni 2022 und Oktober 2024. Dieser Artikel dokumentiert den Thread vollständig, da er weder über Suchmaschinen auffindbar ist noch in seiner deutschsprachigen Fassung (Threads, Bluesky) noch zugänglich ist. Er existiert, damit der Inhalt zitiert werden kann.


I. Februar 2020: Wenn das Herzstück bricht

Eine Woche nach dem Thüringer Dammbruch – als CDU und FDP gemeinsam mit der AfD Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten wählten, als die sogenannte Brandmauer zum ersten Mal offiziell fiel – schrieb ich einen Thread. Auf Englisch. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung über die eigene Filterblase und in der vagen Hoffnung, dass der Weg aus ihr vielleicht durch die Lingua Franca führen würde.

„It’s difficult for me. I actually love my German language. My timeline is all German. Also I don’t know exactly where to go. But my country is in a downward spiral. They love the fascists more than free spirits and intellectuals and minorities.“
„I’m trapped in a German filter bubble. This is surely also connected with the fact that I am interested in German politics and German topics. But it is frightening how this country is drifting in a fascist direction.“
„So I should probably start tweeting more in the lingua franca. English is not my favourite language, but it’s the only way out of here. I don’t want to live in a fascist country in the long run.“

Zu dieser Zeit stellte Mely Kiyak in der Zeit eine Frage, die ich nicht mehr loswurde. Ich zitierte sie:

„‚Do you want Jews, Muslims, Sinti, Roma and Black people in this country? Or are you more comfortable with the fascists?‘ So please be honest. A decade like this ends quickly. Mely Kiyak asked in the @zeitonline“

Meine eigene Antwort:

„For myself the question is clear, but the ‚you‘ – German ‚ihr‘ – and if I am to answer the question for my German people, then a picture emerges that the majority loves the fascists. But if they love them, then they also hate me.“
„Fascists do not stop at minorities, but also turn against those fellow human beings who want to protect themselves from them. Which for me then means to have to leave my home country.“

Und dann der Satz, in dem ich die Grundlage meines Vertrauens in dieses Land formulierte – und gleichzeitig eingestehen musste, dass sie bröckelt:

„It breaks my heart. I really thought this country had caught on. I really thought it had learned from the past. I believed in the Basic Law. Human dignity shall be inviolable. To respect and protect it shall be the duty of all state authority.

Das Grundgesetz. Artikel 1. Ich hatte daran geglaubt. Ich glaube noch daran. Aber der Glaube ist nicht mehr selbstverständlich.


II. Juni 2022: Querdenken als Symptom

Zweieinhalb Jahre später. Die Pandemie hatte Deutschland in neue Tiefen geführt. Die sogenannten „Querdenker“ – eine Sammelbezeichnung für Menschen, die Wissenschaft, Maßnahmen und institutionelles Vertrauen grundsätzlich verweigerten – hatten gezeigt, dass die gesellschaftlichen Abwehrkräfte gegen organisierten Irrationalismus weit schwächer waren, als man nach 1945 zu glauben wagte.

Ich pinnte den Thread neu an. Mit einem Nachtrag:

„I pinned this thread over two years ago. It hasn’t gotten any better with ‚Querdenkern‘ and ‚empty thinkers‘ in the age of Covid. The hostility to science is sometimes unbelievable.“

Keine Entwarnung. Kein Update in Richtung Besserung. Nur die Bestätigung, dass das, was 2020 wie eine Krise aussah, in Wahrheit ein Zustand war.


III. Oktober 2024: Die Mauer aus 60.000 Blöcken

Über Jahre hatte ich auf X eine digitale Schutzwand aufgebaut: mehr als 60.000 blockierte rechtsradikale Accounts. Jeder Block ein Nein. Eine mühsame, kontinuierliche Arbeit der Selbstverteidigung.

Im Oktober 2024 begann Elon Musk, die Blockierfunktion auf X einzuschränken. Was das bedeutete, war sofort klar:

„So Elon Musk switches off the blocking function so that I can see the crap from around 60,000 right-wing radical accounts that I have blocked. Then the reporting fuzzies of this Nazi bubble will come down on me and start reporting. So if I get kicked, you know why.“

Der Thread blieb angepinnt. Mit einer Zeile, die auch seine Entstehungsgeschichte erklärt:

„So schreibt sich ein Thread fort, weil der Inhalt ignoriert und vergessen wird.“

Warum dieser Artikel existiert

Threads auf Social Media sind keine Dokumente. Sie leben in Algorithmen, auf Servern privater Unternehmen, in Feeds, die nach 48 Stunden verschwunden sind. Wer diesen Thread zitieren wollte, könnte es nicht – er ist nicht auffindbar. Eine deutschsprachige Fassung, die auf Threads und Bluesky erschien, ist ebenfalls verloren.

Dieser Artikel ist ein Versuch, das Gesagte sagbar zu halten. Er ist kein politischer Kommentar und kein Essay mit Distanz – er ist Stimme, direkt und im Original. Eine Stimme, die ihr Land liebt und es gerade deshalb nicht unreflektiert hinnehmen kann. Die 60.000 Mal Nein gesagt hat und trotzdem noch schreibt.

Der Thread ist nicht verstummt. Er ist nur nicht gefunden worden.

Das soll sich ändern.


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