Die Namen hinter den Zahlen: Wer stirbt im Schatten von ICE?

Die Toten – eine unvollständige Liste

In den ersten Wochen des Jahres 2026 wurden zwei Namen landesweit bekannt. Renée Nicole Good, eine US-Bürgerin, wurde am 7. Januar in Minneapolis während einer ICE-Razzia von einem Bundesagenten erschossen.[1] Wenige Wochen später, am 24. Januar, starb Alex Jeffrey Pretti, ebenfalls US-Bürger, bei einer Konfrontation mit Einsatzkräften derselben Operation.[1][2][3]

Diese beiden Fälle rückten kurzzeitig ins öffentliche Bewusstsein. Doch sie markieren nur die sichtbare Spitze eines weit größeren Problems.[4]

Bereits Ende 2025 wurde Keith Porter Jr. in Los Angeles von einem ICE-Agenten außerhalb des Dienstes erschossen. Im September desselben Jahres starb Silverio Villegas González bei einer Verkehrskontrolle in Illinois durch Schüsse eines ICE-Beamten. Solche Fälle direkter tödlicher Gewalt sind vergleichsweise selten – aber sie sind sichtbar, dokumentiert und medial vermittelbar.[5][6][7][4]

Das stille Sterben in Gewahrsam

Die überwiegende Zahl der Todesfälle im Kontext von ICE ereignet sich nicht auf offener Straße, sondern hinter verschlossenen Türen von Haftzentren. 2025 war das tödlichste Jahr in ICE-Gewahrsam seit zwei Jahrzehnten: Mindestens 30 bis 32 Menschen starben während der Inhaftierung.[8][9][1]

Namen wie Genry Ruiz Guillén, Serawit Gezahegn Dejene oder Maksym Chernyak tauchen selten in nationalen Schlagzeilen auf. Ihre Todesursachen werden als medizinische Notfälle, Suizide oder natürliche Ursachen klassifiziert – Kategorien, die nach Einschätzung von NGOs und Journalisten institutionelle Verantwortung häufig ausblenden.[1][8]

Anfang 2026 kam Geraldo Lunas Campos hinzu. Sein Fall steht exemplarisch für das strukturelle Problem: ICE sprach zunächst von einem Suizid oder medizinischem Notfall, doch die Gerichtsmedizin des El Paso County stufte den Tod als Tötung (Homicide) ein – verursacht durch Erstickung infolge Fixierung durch Beamte.[10][11][12]

Warum es keine vollständige Liste gibt

  • Kategorisierungen verschleiern Verantwortung: Die Unterscheidung zwischen „tödlicher Gewaltanwendung“ und „Tod im Gewahrsam“ trennt juristisch, was faktisch zusammenhängt – wie NGOs kritisieren.[8][1]
  • Widersprüchliche Befunde: Immer wieder widersprechen unabhängige gerichtsmedizinische Gutachten den ersten Darstellungen der Behörde, wie im Fall Campos.[12][10]
  • Administrative Entpolitisierung: Todesfälle werden zu Verwaltungsvorgängen, nicht zu politischen Ereignissen – eine Kritik, die Watchdog-Organisationen seit Jahren vorbringen.[13]

Historische Parallelen – nicht als Gleichsetzung, sondern als Warnung

Der Vergleich ist nicht moralisch, sondern strukturell:

  • Werkzeuge vor Ideologie: Schon die Weimarer Republik verfügte über weitreichende polizeiliche Präventivbefugnisse. Der Nationalsozialismus musste sie nicht erfinden, sondern lediglich nutzen.
  • SA statt Gestapo: Institutionell ähnelt ICE weniger einer geheimen Staatspolizei als einer paramilitärischen Organisation, die durch demonstrative Gewalt, Feindbilder und Präsenz Einschüchterung erzeugt – eine Analogie, die Kritiker zu paramilitärischen Strukturen ziehen.[1]
  • Integration in den Staatsapparat: Historisch gefährlich wurde die SA nicht durch ihre Existenz, sondern durch ihre Einbindung in Polizei und Verwaltung – ein Muster, das sich auch heute beobachten lässt, wenn Behörden ideologisch homogenisiert werden.[1]

Was auf dem Spiel steht

  • Für den Rechtsstaat: Administrative Haft ohne Strafverfahren, eingeschränkte Rechtsmittel und interne Ermittlungen untergraben rechtsstaatliche Kontrolle – wie ACLU und andere NGOs betonen.[1]
  • Für gesellschaftliche Normen: Die Normalisierung des Todes marginalisierter Gruppen ist historisch ein Frühindikator autoritärer Erosion.[1]
  • Für die Wahrheit: Wenn Gerichtsmediziner offiziellen Darstellungen widersprechen müssen und NGOs die Rolle staatlicher Dokumentation übernehmen, ist institutionelle Transparenz bereits beschädigt.[10][1]

Nicht nur Amerika – ein globales Muster

ICE steht nicht isoliert. Weltweit verlagert sich Migrationskontrolle in rechtsstaatliche Grauzonen – von erweiterten Polizeibefugnissen in Europa bis zur Externalisierung von Grenzschutz. Migration wird zum Testfeld für den Abbau rechtsstaatlicher Standards – wie Berichte von Amnesty und Human Rights Watch beschreiben.

Was bleibt

Die Opfer verdienen mehr als Statistik. Sie fordern:

  • unabhängige Aufklärung jedes Todesfalls
  • strafrechtliche Konsequenzen bei Fehlverhalten
  • grundlegende Reform von Haft und Migrationsrecht
  • eine öffentliche Debatte über die Grenzen staatlicher Gewalt

Die Unmöglichkeit, eine vollständige Liste aller Opfer zu erstellen, ist dabei vielleicht das alarmierendste Symptom. Denn wo Dokumentation lückenhaft bleibt, wächst Straflosigkeit.[13][1]


Literaturverzeichnis / Fußnoten

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