Warum ein früher Zusammenbruch des Polarwirbels unser Wetter kippen kann
Es gibt Prozesse im Klimasystem, die leise im Hintergrund laufen – und dann plötzlich alles verändern.
Der Polarwirbel gehört dazu. Er ist kein Sturm, kein Tiefdruckgebiet und nichts, was man direkt spürt.
Und doch entscheidet er oft darüber, ob wir in Europa einen milden Winter haben oder wochenlangen Frost.
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Aktuell deuten Wettermodelle und Messdaten darauf hin, dass genau so ein Prozess außergewöhnlich früh
im Jahr stattfinden könnte. Um zu verstehen, warum das relevant ist – und warum man hier durchaus
von einem Kipppunkt im Wettersystem sprechen kann –, hilft ein einfaches Bild.
[4][5]
Das „Kälte-Türsteher“-Bild
Stell dir vor, über der Arktis steht ein riesiger Türsteher. Seine Aufgabe: Er hält die extrem kalte
Luft des Nordpols dort fest, wo sie hingehört – im Norden.
[2]
Dieser Türsteher ist der Polarwirbel. Er sitzt rund 30 Kilometer über uns in der Stratosphäre
und besteht aus einem starken Ring aus Westwinden, der im Winter die Kälte einschließt.
[3][4]
Solange dieser Türsteher fit ist, bleibt das Wetter in unseren Breiten meist berechenbar:
Atlantische Tiefs bringen milde Luft, der Jetstream lenkt die Stürme, extreme Kälte bleibt die Ausnahme.
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Was sich nun abzeichnet, ist ein Prozess, der diesem Türsteher regelrecht die Beine wegzieht.
[1]
Der Dominoeffekt in drei Schritten
| Schritt | Fachbegriff | Was wirklich passiert |
|---|---|---|
| 1 | Final Stratospheric Warming (FSW) / Polarwirbel-Zerfall [3][1] |
In großer Höhe über dem Nordpol erwärmt sich die Luft plötzlich extrem. Das starke Westwindband, das den Polarwirbel zusammenhält, bricht zusammen oder zerreißt. [7][4] |
| 2 | Downward Coupling / negative NAO [1] |
Der Zusammenbruch in der Höhe wirkt wie ein Schlag nach unten. Der Jetstream wird langsamer, instabiler und beginnt stark zu mäandrieren. [6][1] |
| 3 | Persistente Blockadelagen |
Mächtige Hochdruckgebiete blockieren milde Atlantikluft und lenken arktische Kälte nach Europa. [2][5] |
Wichtig: Das ist kein einzelnes Extremereignis, sondern eine systemische Umschaltung.
[4]
Warum der Zeitpunkt alles verändert
- Die Sonne kehrt langsam in die Arktis zurück
- Die Stratosphäre kühlt sich nicht mehr stark genug ab [3]
- Ein zerstörter Polarwirbel kann sich nicht mehr neu aufbauen
Findet ein solcher Zusammenbruch bereits im Februar statt, ist das wie das Herausziehen eines Steckers:
Der winterliche Zustand der oberen Atmosphäre ist endgültig beendet.
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Genau hier liegt der Punkt, an dem man nicht mehr nur von Wettervariabilität sprechen kann.
[6]
Kipppunkt – anders als gedacht
Der frühe Zusammenbruch des Polarwirbels ist kein globaler Klimakipppunkt,
aber ein saisonaler Kipppunkt im atmosphärischen Regime.
[4]
Nachher: blockierende Wetterlagen, erhöhte Wahrscheinlichkeit für Extreme.
[5][2]
Das System kippt nicht dauerhaft – aber für Wochen bis Monate in einen anderen Zustand.
[1]
Konkrete Wetterfolgen
- Zeitfenster: stärkster Einfluss 1–3 Wochen nach dem Ereignis [1]
- Wettercharakter: längere winterliche Phasen, Blockadelagen
- Risiko: späte Kaltluftausbrüche bis in den März
Kurz gesagt: Das Wetter wird nicht zwangsläufig kälter – aber instabiler und extremer.
[8]
Zusammengefasst
In 30 Kilometern Höhe wird ein Schalter umgelegt.
Und was dort oben passiert, entscheidet darüber, ob der Winter kontrolliert abläuft – oder chaotisch wird.
[2]
Ein früher Zusammenbruch des Polarwirbels ist eine Umschaltung des Wettersystems,
mit Folgen, die wir Wochen später am Boden spüren.
[9]
Fußnoten
- YouTube – Polarwirbel & FSW ↩
- PIK: Schwacher Polarwirbel & Winterextreme ↩
- Wikipedia: Plötzliche Stratosphärenerwärmung ↩
- DasWetter.com: Historischer Polarwirbel-Crash? ↩
- DWD: Ein gestörter Polarwirbel ist nicht alles ↩
- KIT: Stratosphärenkopplung ↩
- Windinfo: Finale Stratosphärenerwärmung ↩
- Wetter.de: Winterprognose & Polarwirbel ↩
- PIK: Winterliche Wetterextreme ↩
- KIT-Publikation: Stratosphärische Dynamik
